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Rückblick
Maike Bartholomae
Er sog die kühle Abendluft ein und blickte in die beginnende Dämmerung. Für einen Tag im frühen September war es schon recht kühl, aber durch das jahrelange Leben im Offenstall machte ihm das Wetter nur noch selten zu schaffen. Nur bei tagelangem Dauerregen konnte es passieren, dass er den Tag-und Nacht geöffneten Stall der 6er WG, wie seine Unterkunft scherzhaft genannt wurde, einmal nicht verließ und er nur aus dem Fenster guckte.
Auf dem Hof war es für Saisonende geradezu geisterhaft still, da aufgrund des Schmuddelwetters alle Kinder ins Hallenbad gefahren waren. Irgendwie genoß er solche Ruhetage, da mit den Jahren ertrug er ihr fröhliches Getobe und Geschrei nicht mehr ganz so gut. Er lauschte auf die durchs Gras ziehende Hufe und auf das Geräusch der Heu zermalmende Zähne seiner Freunde. Wenn er zur Nachbarweide hinübersah, tauchten seine Kollegen ab und an schemenhaft aus dem aufsteigenden Nebel auf. Es war gespenstisch.
Dagegen war bei ihm im Paddock das pralle Leben: Um ihn herum wuselten die anderen 5, balgten und wälzten sich im Sand, er dagegen stand nur da, das linke Hinterbein entlastet, den Hals nach vorn gestreckt und die Augen fast geschlossen. Er sah aus, als ob er träumte.
Als er als junger Spunt gewesen auf den Ferienhof gekommen war, vielleicht 6, vielleicht 7 Jahre alt, hatte er sich an vieles gewöhnen müssen. Es hatte etwas gedauert, bis er auch bei sehr ungeschickten, weil ungeübten Sattlern stillstand. "Die Leckerlis haben mich immer entschädigt" schmunzelte er. Jedoch gerade bei den Hektikern hatte er sich später gerne einen Spaß daraus gemacht, sich aufzublähen oder Satteldecken herunterzuschütteln, gerade neben Pfützen machte das besonders viel Spaß, um dann auf das Schimpfen der Kids nur gleichmütig den Kopf schief zu halten. Er grinste innerlich.
Auf dem Weg zur Krippe meinte er fast ihre Stimmen zu hören, das Jauchzen am Sommer im Badesee, wenn ihn sie ihn nur mit der Badehose bekleidet hineingeritten hatten, und nur darauf warteten, von ihm geduscht zu werden. War das herrlich gewesen! Auch wenn er nicht mehr geritten wurde, freute er sich noch immer, wenn es im Hochsommer auch für ihn hieß: "Komm Findus, Badetag!"
Er mampfte und unwillkürlich stieg der Duft von ungezählten Äpfeln, Möhren und weiteren Leckerlis in ihm auf. Wie in Erwartung kräuselte er seine Lippen. Jeden Abend war "sein" Pflegekind zu ihm gekommen, er spürte fast die kleinen Hände in seinem damals noch glänzenden Fell und das wohlige Gefühl kam wieder in ihm hoch. Stillgehalten wie eine 1 hatte er, darum hatten sie ihn immer "Schmusebär" genannt. Nett hörte sich das an. Wie liebte er es noch heute, wenn man ihn an schwer erreichbaren Stellen kratze, dann konnte es passieren, dass er genießerisch die Augen schloss und seinen langen Hals wohlig streckte. "Gleich fängt er an zu Schnurren" hieß es dann immer.
Auf Ausritte im Wald wurde er heute noch mitgenommen. Nur saß nun niemand mehr auf seinem Rücken, darum nannten die Menschen sie jetzt "Spaziergänge". Wie ein Film lief alles vor ihm wieder ab: Er spürte die warmen Sonnenstrahlen auf seinem Fell, sah noch einmal die tiefhängenden Äste, die einen geradezu zum danach Schnappen einluden. Das Juchzen der Ferienkinder bei besonders tollen Galopps würde auch nicht so schnell in seinen Ohren verblassen. Wieviele es wohl gewesen waren? Er konnte sich nicht mehr erinnern.
Ein heranfahrendes Auto rieß ihn aus seinen Träumen. Kindergeplapper kam näher. "Findus, komm her!" rief ein zartes Stimmchen. Neugierig trabte er an den Zaun und schnappte zärtlich nach dem Apfel, den ihm eine kleine Hand freunlich entgegenstreckte.
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