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mexikanischer Zosse
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Anmekung von Horsesman: Denkt bitte dran wann  diese  Geschichte geschrieben wurde, die Bezeichnungen und Ausdrücke  waren zu dieser Zeit duchaus üblich!

                     Ein echter mexikanischer Zosse
                                          
von Mark Twain

Ich  beschloß, mir ein Reitpferd anzuschaffen. Nie hatte ich  außerhalb eines Zirkus solch eine wilde,  freie,  großartige Reitkunst gesehen wie sie diese malerisch gekleideten Mexikaner, Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner jeden Tag in den Straßen  von Carson zeigten. Wie sie ritten!  Sich ganz leicht aus der Senkrechten  vornüber legend, leger und nonchalant, mit vorn hochgewehter Sombrerokrempe und über dem Kopf schwingender langer  Riata brausten sie wie der Wind durch die Stadt! Und waren im nächsten Augenblick nur noch ein dahinsegelndes Staubwölkchen in der fernen Wüste. Wenn sie trabten, saßen sie graziös und anmutig im Sattel und schienen mit dem Pferd verwachsen,  hampelten nicht nach  der blöden gezierten Manier der Reitschulen auf und ab. Ich hatte  schnell gelernt, ein Pferd von einer Kuh zu unterscheiden, und  war ganz versessen  darauf, mehr zu lernen. Also beschloß ich,  mir ein Pferd zu kaufen.
 

Während  mir dieser Gedanke im Kopfe herumschwirrte, kam der Auktionator auf einem schwarzen Viech über die Plaza gebraust, das so eckig und  höckerig wie ein Dromedar und entsprechend häßlich war. Doch es schien zu gefallen. "Zweiundzwanzig zum ersten! Pferd, Sattel und Zügel für zweiundzwanzig Dollar, meine Herren!" Und ich konnte kaum widerstehen.
Ein mir unbekannter Mann (der  Bruder des Auktionators, wie sich dann herausstellte) bemerkte den sehnsüchtigen Blick in meinen Augen und ließ fallen, das sei ein respektables Pferd für den Preis, und  fügte hinzu, allein schon der Sattel wäre so viel wert. Es war ein spanischer  Sattel mit gewichtigen Tapaderos und dem ungefügen Sohlenlederbezug mit dem unaussprechlichen Namen. Ich sagte, ich hätte nicht übel Lust zu bieten. Daraufhin schien mich dieser scharfäugige  Mensch zu taxieren; als er aber redete, wies ich den Verdacht von mir, denn er gab sich ganz offen und aufrichtig. Er sagte : "Ich kenne dieses Pferd, kenne es gut.  Da Sie hier fremd sind, wie ich vermute, halten Sie es vielleicht für ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere Ihnen, das ist es keineswegs. Nichts dergleichen,  sondern -entschuldigen Sie, daß ich so leise spreche,  aber es sind Leute in der Nähe -es  ist ohne den  geringsten Zweifel  ein echter mexikanischer Zosse!"
 

Ich hatte  zwar keine Ahnung, was ein echter mexikanischer Zosse war,  doch in dem, wie dieser Mann das sagte, lag etwas, das mich innerlich geloben ließ, mir unbedingt einen echten mexikanischen Zossen anzuschaffen.
"Sonstige. ..äh  ...Vorzüge ?" fragte  ich,  jeden Eifer unterdrückend, soweit ich konnte. Er hakte seinen Zeigefinger in die Tasche meines Militärhemds, führte mich auf die Seite und hauchte  mir eindrucksvoll die Worte ins Ohr: "Überbockt alles in Amerika!"   "Vierundzwanzigeinhalb Dollar zum zweiten, meine...
"Siebenundzwanzig!" rief ich wie von Sinnen. "Zum  dritten!" sagte der Auktionator und übergab mir den echten mexikanischen Zossen. Ich vermochte kaum, mein Frohlocken zurückzuhalten.  Ich bezahlte das Geld und brachte das   Pferd in einen benachbarten Mietstall, damit es Mittag essen und sich ausruhen konnte. Am Nachmittag führte ich den  Gaul auf die Plaza, und einige Bürger hielten ihn am Kopf und andere am Schwanz fest, während ich aufsaß. Sobald sie losließen, setzte er alle vier Füße zu  einem Bündel zusammen, senkte den Rücken  durch und wölbte ihn dann plötzlich  hoch und schoß mich drei bis vier Fuß kerzengerade in die Luft! Genauso  kerzengerade kam ich wieder herunter, plumpste in den Sattel,  flog sofort wieder  hoch, kam fast auf dem hohen Knauf runter, schoß von neuern nach oben und landete auf dem Hals des Pferdes - alles im Zeitraum von drei bis vier Sekunden.

Dann stieg der Zosse beinahe senkrecht auf die Hinterbeine, und mich verzweifelt an den dürren Hals klammernd, rutschte ich in den Sattel zurück und hielt mich da. fest. Kaum wieder unten, schmiß der Gaul die Hacken in die Luft und versetzte dem Himmel  einen  heimtückischen Tritt und vollführte einen Handstand. Und dann kam er wieder herunter und fing von neuern mit der Ausgangsübung an, mich kerzengerade  hochzu- schießen. Als  ich zum drittenmal hochging, hörte ich einen  Fremden sagen:
"Mann, der bockt aber!" Während  ich mich gerade oben befand, versetzte jemand dem Pferd einen knallenden Schlag mit  einem Lederriemen, und als ich wieder herunterkam, war kein echter mexikanischer Zosse mehr da. Ein kalifornischer Jüngling machte sich an die Verfolgung, und er fing ihn ein  und   fragte, ob er mal drauf reiten dürfe. Ich gewährte ihm diese Wonne. Er bestieg den  Echten, wurde einmal in die Luft gehoben, gab aber beim  Herunterkommen dem Gaul seine Sporen zu schmecken, und der sauste ab wie ein Telegramm. Er schwirrte über drei Zäune und verschwand die Straße hinunter in Richtung Washoe Valley.

Ich setzte mich mit einem Seufzer auf  einen Stein, und auf Grund eines Naturtriebes suchte meine eine Hand die Stirn und die andere  die Magengrube. Ich glaube, ich hatte bis dahin noch nie richtig gemerkt, wie  dürftig die menschliche Maschinerie ist -denn ich brauchte eigentlich noch ein,  zwei Hände, um sie anderswo draufzutun. Keine Feder kann beschreiben, wie  durchgeschüttelt ich  war. Keine Phantasie kann sich ausmalen, wie verrenkt ich  war -wie innerlich, Ãußerlich und überhaupt verstört, durcheinander und aus  den Fugen. Doch es umgab mich eine teilnahmsvolle  Menge-
Ein nicht mehr ganz  jung  aussehender Tröster sagte : "Bist reingelegt  worden, Fremder. Diesen Gaul kennt jeder  hier im Camp. Hätte dir jedes Kind, jeder Indianer  sagen können, daß er bockt; ist der allerschlimmste  Bockteufel von ganz Amerika. Mir kannst du  glauben. Bin Curry . Old Curry. Old ABC Curry. Ist außerdem durch und durch ein  original echter verflixter mexikanischer Zosse, und dabei nochein ganz gemeiner. Mann, hättest du bloß den
Schnabel gehalten und  abgewartet, du Pinsel; für 'n Puppenlappen mehr, als du für diese verdammte ausländische Schindermähre berappt hast, läßt sich doch  ein amerikanisches Pferd kriegen."
Ich ließ mir nichts anmerken, nahm mir jedoch vor, falls die Beerdigung des Bruders von dem Auktionator  stattfinden sollte, so- lange ich im Territorium war,  alle anderen Belustigungen aufzuschieben und  an  ihr teilzunehmen.


Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische  Jüngling und der Echte wieder in die  Stadt gestürmt, wobei sie so mit Schaumflocken um sich spritzten, wie ein Taifun Gischt vor sich herfegt, und gingen nach einem  Schlußsprung über einen Schubkarren und einen Chinesen vorm "Landhaus" vor Anker.
Welch  Keuchen und Schnaufen! Welch  Aufblähen und Zusammenziehen der roten Pferdenüstern und welch  Funkeln der wilden  Pferdeaugen ! Doch war das  erlauchte Tier  gebändigt ? Mitnichten- Seine  Gnaden, der Parlamentspräsident, dachten aber doch und schwangen sich in den Sattel und ritten zum Kapitol hinunter. Der erste  Satz, den der Gaul machte, ging über einen Stapel Telegrafenmasten von halber Kirchturmhöhe, und  seine Zeit bis hin zum Kapitol -eindreiviertel  Meilen -ist bis heute ungeschlagen. Er schuf sich allerdings günstigere Rennbedingungen  -er ließ die Meile aus und lief nur die  drei Viertel. Also  schnurgeradeaus und querfeldein, wobei er Zäune und Gräben  einer gewundenen Straße vorzog; und als der Herr Präsident dann am Kapitol  anlangte, erklärte er, er wäre so viel oben in der Luft gewesen, daß es ihm vorgekommen sei, als hätte er den Ritt  auf einem Kometen gemacht.

Am Abend kam er  zurück -zu Fuß, um sich ein bisschen Bewegung zu  machen, und den  Echten hatte er hinten an  einem Quarzwagen angebunden. Am nächsten Tag lieh  ich das Tier dem Protokollführer des   Repräsentantenhauses, der damit zur sechs Meilen entfernten Dana-Silbermine wollte, und auch er kam zu Fuß zurück, um sich  auszulaufen,  mit dem Pferd im Schlepp. Immer kamen alle, denen ich den Gaul lieh, zurückgestiefelt; anders konnten sie sich nie  genug Bewegung  verschaffen.  Doch ich  verpumpte ihn weiter an jeden, der Tonne Heu gefressen, und der Mann sagte, hätte er ihn gelassen, hätte  er hundert gefressen.
Ich möchte hier  ganz  ernsthaft bemerken, daß während jenes Jahres und  teilweise auch während des nächsten der reguläre Heupreis wirklich zweihundertfünfzig Dollar die Tonne betrug. Im Jahr davor hatte er eine Zeitlang auf fünfhundert Golddollar pro Tonne gestanden, und während des vorangegangenen Winters war Heu so knapp  gewesen, daß kleine Mengen nicht selten achthundert Dollar Hartgeld pro Tonne gebracht hatten! Die Folgen kann man sich wohl ohne weiteres  denken: Die Leute ließen ihr Vieh frei zum Verhungern,  und bevor der Frühling kam, waren das Carson und Eagle Valley buchstäblich mit Kadavern bedeckt! Jeder alte  Ansiedler kann das bestätigen.
Es gelang  mir, die Stallrechnung zu bezahlen, und noch am selben Tag schenkte ich den echten mexikanischen  Zossen einem durch- ziehenden  Auswanderer aus Arkansas, den mir Fortuna in die Hände spielte. Sollte  ihm dies hier jemals vor  Augen kommen, wird er sich zweifellos der Gabe erinnern.
Nun, wer einmal das Glück  gehabt hat, einen echten mexikanischen Zossen zu  reiten, wird das in diesem Kapitel geschilderte Tier wiedererkennen und es kaum als übertrieben  betrachten -die Uneingeweihten aber dürfen  sich  berechtigt fühlen, sein Porträt als  Phantasieskizze anzusehen.

ENDE