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Ich beschloß, mir ein Reitpferd anzuschaffen. Nie hatte ich außerhalb eines Zirkus solch eine wilde, freie, großartige Reitkunst gesehen wie sie diese malerisch gekleideten Mexikaner, Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner jeden Tag in den Straßen von Carson zeigten. Wie sie ritten! Sich ganz leicht aus der Senkrechten vornüber legend, leger und nonchalant, mit vorn hochgewehter Sombrerokrempe und über dem Kopf schwingender langer Riata brausten sie wie der Wind durch die Stadt! Und waren im nächsten Augenblick nur noch ein dahinsegelndes Staubwölkchen in der fernen Wüste. Wenn sie trabten, saßen sie graziös und anmutig im Sattel und schienen mit dem Pferd verwachsen, hampelten nicht nach der blöden gezierten Manier der Reitschulen auf und ab. Ich hatte schnell gelernt, ein Pferd von einer Kuh zu unterscheiden, und war ganz versessen darauf, mehr zu lernen. Also beschloß ich, mir ein Pferd zu kaufen.
Während mir dieser Gedanke im Kopfe herumschwirrte, kam der Auktionator auf einem schwarzen Viech über die Plaza gebraust, das so eckig und höckerig wie ein Dromedar und entsprechend häßlich war. Doch es schien zu gefallen. "Zweiundzwanzig zum ersten! Pferd, Sattel und Zügel für zweiundzwanzig Dollar, meine Herren!" Und ich konnte kaum widerstehen. Ein mir unbekannter Mann (der Bruder des Auktionators, wie sich dann herausstellte) bemerkte den sehnsüchtigen Blick in meinen Augen und ließ fallen, das sei ein respektables Pferd für den Preis, und fügte hinzu, allein schon der Sattel wäre so viel wert. Es war ein spanischer Sattel mit gewichtigen Tapaderos und dem ungefügen Sohlenlederbezug mit dem unaussprechlichen Namen. Ich sagte, ich hätte nicht übel Lust zu bieten. Daraufhin schien mich dieser scharfäugige Mensch zu taxieren; als er aber redete, wies ich den Verdacht von mir, denn er gab sich ganz offen und aufrichtig. Er sagte : "Ich kenne dieses Pferd, kenne es gut. Da Sie hier fremd sind, wie ich vermute, halten Sie es vielleicht für ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere Ihnen, das ist es keineswegs. Nichts dergleichen, sondern -entschuldigen Sie, daß ich so leise spreche, aber es sind Leute in der Nähe -es ist ohne den geringsten Zweifel ein echter mexikanischer Zosse!"
Ich hatte zwar keine Ahnung, was ein echter mexikanischer Zosse war, doch in dem, wie dieser Mann das sagte, lag etwas, das mich innerlich geloben ließ, mir unbedingt einen echten mexikanischen Zossen anzuschaffen. "Sonstige. ..äh ...Vorzüge ?" fragte ich, jeden Eifer unterdrückend, soweit ich konnte. Er hakte seinen Zeigefinger in die Tasche meines Militärhemds, führte mich auf die Seite und hauchte mir eindrucksvoll die Worte ins Ohr: "Überbockt alles in Amerika!" "Vierundzwanzigeinhalb Dollar zum zweiten, meine... "Siebenundzwanzig!" rief ich wie von Sinnen. "Zum dritten!" sagte der Auktionator und übergab mir den echten mexikanischen Zossen. Ich vermochte kaum, mein Frohlocken zurückzuhalten. Ich bezahlte das Geld und brachte das Pferd in einen benachbarten Mietstall, damit es Mittag essen und sich ausruhen konnte. Am Nachmittag führte ich den Gaul auf die Plaza, und einige Bürger hielten ihn am Kopf und andere am Schwanz fest, während ich aufsaß. Sobald sie losließen, setzte er alle vier Füße zu einem Bündel zusammen, senkte den Rücken durch und wölbte ihn dann plötzlich hoch und schoß mich drei bis vier Fuß kerzengerade in die Luft! Genauso kerzengerade kam ich wieder herunter, plumpste in den Sattel, flog sofort wieder hoch, kam fast auf dem hohen Knauf runter, schoß von neuern nach oben und landete auf dem Hals des Pferdes - alles im Zeitraum von drei bis vier Sekunden.
Dann stieg der Zosse beinahe senkrecht auf die Hinterbeine, und mich verzweifelt an den dürren Hals klammernd, rutschte ich in den Sattel zurück und hielt mich da. fest. Kaum wieder unten, schmiß der Gaul die Hacken in die Luft und versetzte dem Himmel einen heimtückischen Tritt und vollführte einen Handstand. Und dann kam er wieder herunter und fing von neuern mit der Ausgangsübung an, mich kerzengerade hochzu- schießen. Als ich zum drittenmal hochging, hörte ich einen Fremden sagen: "Mann, der bockt aber!" Während ich mich gerade oben befand, versetzte jemand dem Pferd einen knallenden Schlag mit einem Lederriemen, und als ich wieder herunterkam, war kein echter mexikanischer Zosse mehr da. Ein kalifornischer Jüngling machte sich an die Verfolgung, und er fing ihn ein und fragte, ob er mal drauf reiten dürfe. Ich gewährte ihm diese Wonne. Er bestieg den Echten, wurde einmal in die Luft gehoben, gab aber beim Herunterkommen dem Gaul seine Sporen zu schmecken, und der sauste ab wie ein Telegramm. Er schwirrte über drei Zäune und verschwand die Straße hinunter in Richtung Washoe Valley.
Ich setzte mich mit einem Seufzer auf einen Stein, und auf Grund eines Naturtriebes suchte meine eine Hand die Stirn und die andere die Magengrube. Ich glaube, ich hatte bis dahin noch nie richtig gemerkt, wie dürftig die menschliche Maschinerie ist -denn ich brauchte eigentlich noch ein, zwei Hände, um sie anderswo draufzutun. Keine Feder kann beschreiben, wie durchgeschüttelt ich war. Keine Phantasie kann sich ausmalen, wie verrenkt ich war -wie innerlich, Ãußerlich und überhaupt verstört, durcheinander und aus den Fugen. Doch es umgab mich eine teilnahmsvolle Menge- Ein nicht mehr ganz jung aussehender Tröster sagte : "Bist reingelegt worden, Fremder. Diesen Gaul kennt jeder hier im Camp. Hätte dir jedes Kind, jeder Indianer sagen können, daß er bockt; ist der allerschlimmste Bockteufel von ganz Amerika. Mir kannst du glauben. Bin Curry . Old Curry. Old ABC Curry. Ist außerdem durch und durch ein original echter verflixter mexikanischer Zosse, und dabei nochein ganz gemeiner. Mann, hättest du bloß den Schnabel gehalten und abgewartet, du Pinsel; für 'n Puppenlappen mehr, als du für diese verdammte ausländische Schindermähre berappt hast, läßt sich doch ein amerikanisches Pferd kriegen." Ich ließ mir nichts anmerken, nahm mir jedoch vor, falls die Beerdigung des Bruders von dem Auktionator stattfinden sollte, so- lange ich im Territorium war, alle anderen Belustigungen aufzuschieben und an ihr teilzunehmen.
Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische Jüngling und der Echte wieder in die Stadt gestürmt, wobei sie so mit Schaumflocken um sich spritzten, wie ein Taifun Gischt vor sich herfegt, und gingen nach einem Schlußsprung über einen Schubkarren und einen Chinesen vorm "Landhaus" vor Anker. Welch Keuchen und Schnaufen! Welch Aufblähen und Zusammenziehen der roten Pferdenüstern und welch Funkeln der wilden Pferdeaugen ! Doch war das erlauchte Tier gebändigt ? Mitnichten- Seine Gnaden, der Parlamentspräsident, dachten aber doch und schwangen sich in den Sattel und ritten zum Kapitol hinunter. Der erste Satz, den der Gaul machte, ging über einen Stapel Telegrafenmasten von halber Kirchturmhöhe, und seine Zeit bis hin zum Kapitol -eindreiviertel Meilen -ist bis heute ungeschlagen. Er schuf sich allerdings günstigere Rennbedingungen -er ließ die Meile aus und lief nur die drei Viertel. Also schnurgeradeaus und querfeldein, wobei er Zäune und Gräben einer gewundenen Straße vorzog; und als der Herr Präsident dann am Kapitol anlangte, erklärte er, er wäre so viel oben in der Luft gewesen, daß es ihm vorgekommen sei, als hätte er den Ritt auf einem Kometen gemacht.
Am Abend kam er zurück -zu Fuß, um sich ein bisschen Bewegung zu machen, und den Echten hatte er hinten an einem Quarzwagen angebunden. Am nächsten Tag lieh ich das Tier dem Protokollführer des Repräsentantenhauses, der damit zur sechs Meilen entfernten Dana-Silbermine wollte, und auch er kam zu Fuß zurück, um sich auszulaufen, mit dem Pferd im Schlepp. Immer kamen alle, denen ich den Gaul lieh, zurückgestiefelt; anders konnten sie sich nie genug Bewegung verschaffen. Doch ich verpumpte ihn weiter an jeden, der Tonne Heu gefressen, und der Mann sagte, hätte er ihn gelassen, hätte er hundert gefressen. Ich möchte hier ganz ernsthaft bemerken, daß während jenes Jahres und teilweise auch während des nächsten der reguläre Heupreis wirklich zweihundertfünfzig Dollar die Tonne betrug. Im Jahr davor hatte er eine Zeitlang auf fünfhundert Golddollar pro Tonne gestanden, und während des vorangegangenen Winters war Heu so knapp gewesen, daß kleine Mengen nicht selten achthundert Dollar Hartgeld pro Tonne gebracht hatten! Die Folgen kann man sich wohl ohne weiteres denken: Die Leute ließen ihr Vieh frei zum Verhungern, und bevor der Frühling kam, waren das Carson und Eagle Valley buchstäblich mit Kadavern bedeckt! Jeder alte Ansiedler kann das bestätigen. Es gelang mir, die Stallrechnung zu bezahlen, und noch am selben Tag schenkte ich den echten mexikanischen Zossen einem durch- ziehenden Auswanderer aus Arkansas, den mir Fortuna in die Hände spielte. Sollte ihm dies hier jemals vor Augen kommen, wird er sich zweifellos der Gabe erinnern. Nun, wer einmal das Glück gehabt hat, einen echten mexikanischen Zossen zu reiten, wird das in diesem Kapitel geschilderte Tier wiedererkennen und es kaum als übertrieben betrachten -die Uneingeweihten aber dürfen sich berechtigt fühlen, sein Porträt als Phantasieskizze anzusehen.
ENDE
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