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Snuffy, mein 5 -jähriger Wallach und ich waren erst wenige Wochen im Hunsrück und hatten unter den vielen Sportreitern für eine gewisse Irritation gesorgt, denn regelmäßige , um nicht zu sagen tägliche Ausritte waren nicht gerade das, was sich die junge aufstrebende Military - Gesellschaft unter sinnvollem Umgang mit den Vierbeinern vorstellte. Nun war ich also weit und breit die Einzige auf endlosen Stoppelfeldern, verschlungenen Wald- und menschenleeren Feldwegen. Allerdings wurde der schöne Ausblick oft durch Flurschäden gemindert. Diesmal waren nicht wir Reiter die Verursacher sondern die Panzer der britischen Armee, die durch die Landschaft "manövrierten". Zu allem überfluß mußte jeder Landbesitzer selbst zusehen, dass er einen Überblick über die angerichteten Schäden bekam. Nur wer diese rechtzeitig anmeldet hat Anspruch auf Schadensersatz. So bat mich eines Tages unser Nachbar, Eigentümer des eben beschriebenen Reiterparadieses, bei meinen Ausflügen auf diverse Schäden zu achten und ihn über das Ausmaß zu informieren.
Voller Eifer brach ich am nächsten Tag mit Papier und Stift in der Satteltasche auf. Mein Weg führte mich über einen Berg, von wo aus ich einen großartigen Ausblick über die Ländereien und Wälder meines Auftraggebers hatte. Es war November, der Himmel war bewölkt und so früh am Morgen war es recht kalt. Das kleine Tal vor mir verschwand fast unter dichtem Bodennebel. Nur vereinzelt ragten Wipfel heraus und verrieten den Wald mit seinen angrenzenden Neuanpflanzungen Ich schloß meine Jacke und wickelte meinen Schal fester. Dann wandte ich mich nach links, und Snuffy trottete über einen Feldweg ins Tal hinunter. Kaum eine halbe Stunde unterwegs, entdeckte ich die ersten Schäden auf einem Acker. Tiefe Furchen zeugten von der offensichtlichen Irrfahrt eines Panzers, der hier seine Kreise gedreht hatte. Ich notierte mir den Umfang des Schadens, die Lage des Feldes und setzte meinen Weg fort. Inzwischen war es etwas aufgeklart, aber es blieb kalt. Fast hatten wir den Waldrand erreicht, als uns die ersten Nebelwellen entgegenschwappten.
Snuffys Hufe klangen dumpf auf dem weichen Boden und er schnaubte mit gesenktem Kopf in die wolkige Masse. Ich folgte dem uns wohlbekannten Pfad eine Weile bis zu einer kleinen Anhöhe. Entfernt hörte ich dumpfen Motorenlärm, wahrscheinlich ein Trecker, dachte ich, und ritt unbeirrt weiter. Doch das Geräusch wurde lauter. Jetzt klang es nahezu polternd. Wenn kein Trecker, was dann? grübelte ich und setzte meinen Weg fort. An der nächsten Gabelung lenkte ich Snuffy auf einen Waldweg . Ich genoss den frühen Morgen, den Duft des feuchten Holzes und mein Lieblingsphänomen, den Nebel. Ich hing irgendwelchen Gedanken nach und es dauerte eine Weile, bis mir auffiel, das das Motorengeräusch deutlich lauter geworden war, und auf einmal wußte ich auch, was es war. Ein Panzer - und er kam auf mich zu. Ich spürte wie Angst in mir hochstieg, mir wurde abwechselnd heiß und kalt, während gleichzeitig alle Sinne geschärft waren. Ich hatte Snuffy durchpariert.
Um mich blickend, versuchte ich die Richtung zu orten aus der der Panzer kam, aber der Wald gab alle Geräusche hallend wieder. Irritiert schaute ich um mich. Doch zu sehen war nichts. Die Bäume standen zu dicht. Meine Angst wuchs .Ich befürchtete, dass das Ungetüm plötzlich vor mir durch das Gehölz brechen würde und mir keine Zeit zum Ausweichen bliebe. Der Lärm dröhnte, und ich bildete mir ein, dass der Boden vibriere, wir wichen zurück oder vorwärts? Mein Pferd wurde nervös. Der sonst so ruhige Wallach begann zu tänzeln und schlug mit dem Kopf. Alles, dachte ich, nur nicht stehenbleiben! Angespannt ritt ich weiter, den Blick ständig nach allen Seiten schweifend, aber der Panzer blieb unsichtbar. Der Nebel wurde dichter, das Gefährt mußte jetzt ganz nah sein. Ich verlor endgültig die Nerven und galoppierte an. Nur raus aus dem Wald, schrie es hinter, vor und in mir, und wir rasten in halsbrecherischem Tempo zwischen den Bäumen hindurch direkt auf eine Schonung zu. Und da war er. Keine 10 Meter vor mir kreuzte ein britischer Panzer meinen Weg. Er hatte eine Schneise in den jungen Wald gewalzt und die kleinen Bäume dem Erdboden gleich gemacht. Snuffy stand augenblicklich und starrte mit aufgerissenen Augen auf das Kettenfahrzeug. Ich war fassungslos. Nun, wo ich ihn sehen konnte war meine Angst wie weggeblasen. Stattdessen fühlte ich eine ungeheure Wut. Gut 200 Meter war der Panzer in den Wald gefahren, und er setzte sein zerstörerisches Werk unbeirrt fort. Meine Wut wich einem Anfall von Größenwahn. Ich wendete das Pferd unsanft und trieb es in hohem Tempo zwischen den Bäumen hindurch, parallel zum Panzer, aber sichtgeschützt durch die hohen Bäume des alten Waldes.
Ich hatte nur noch eines im Kopf, diesen Wahnsinnigen aufzuhalten. Mir kam überhaupt nicht in den Sinn was für ein idiotisches Unterfangen das war. Etwa 50 m vor dem Panzer scheuchte ich den braunen Wallach aus dem Schutz der Bäume hinaus in die Schonung, direkt in die Fahrtrichtung des Panzers. Der Nebel schlang sich an uns empor, so dass ich meine Beine nicht mehr sehen konnte. Die Bäume jedoch waren noch so klein, dass wir etwas über ihre Kronen hinaus ragten. So hatten wir freie Sicht auf den, der da auf uns zu kam. Und er auf uns. Er stoppte. Stille. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Snuffy war starr vor Schreck. Wir rührten uns nicht. Der Nebel waberte meinem Pferd bis zum Hals, als habe der Panzer ihn vor sich hergeschoben. Endlich öffnete sich eine Luke. Ein Soldat zwängte sich heraus, wild gestikulierend. Nein, ich dachte nicht daran ihm Platz zu machen. Er zögerte, starrte uns an. Wir starrten zurück. Der Mann kletterte zurück in sein Fahrzeug. Einer Eingebung folgend wendete ich den Braunen, der mit einem Riesensatz zurück in den Wald sprang. Im selben Moment erschien ein neues Gesicht in der Luke. Suchend sah der Soldat sich um. Nichts. Wir standen wenige Meter entfernt von unserer ursprünglichen Stelle, verdeckt von dichten Bäumen. Der Mann kletterte jetzt ganz heraus, dicht gefolgt von seinem Kameraden.
Der erste schien unseren alten Bekannten auszulachen, der jedoch zeigte wild gestikulierend auf die Stelle, an der wir Sekunden zuvor noch gestanden hatten. Seine Stimme überschlug sich fast, und ich konnte verstehen, dass ihm die Sache nicht geheuer war. Der andere schwieg. Ratlos sah er in den Nebel, der jetzt auch deutlich niedriger stand als noch kurz zuvor. Nach einem kurzen Wortwechsel stiegen die beiden wieder ein. Ich nutzte die Gunst des Augenblicks und huschte zurück an meinen Platz zwischen den jungen Bäumen. Wie durch ein Wunder war jetzt auch der Nebel wieder da und kroch erneut an uns hoch. Snuffy stand wieder stocksteif. Keine Bewegung. Kein Laut. Der Panzer fuhr an, auf uns zu und stoppte augenblicklich wieder. Und da geschah es. Unter meinen verdatterten Augen (ich hatte mit mächtig Ãrger gerechnet), schoss der Panzer rückwärts auf dem Weg, den er gekommen war aus dem Wald hinaus. Innerhalb kurzer Zeit war er aus meinem Blickfeld verschwunden und wenig später erstarb auch das Motorengeräusch. Ich stand noch immer zwischen den Bäumen. Alle Anspannung fiel von mir ab und wich einem Gefühl des Triumphes. Ich ritt zurück in den Wald und begab mich auf den Heimweg. Nie wieder habe ich in den Wäldern Spuren eines Manövers entdeckt. Vielleicht kursiert unter den Soldaten eine Spukgeschichte. Die Geschichte von zwei Soldaten in den dunklen, weiten Wäldern des Hunsrück. Die Geschichte von dem Pferd im Nebel.
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